Die Darm-Hirn-Achse
Wenn Sie sich depressiv fühlen, vielleicht weniger leistungsfähig und manchmal sehr erschöpft, dann könnte Ihr Darm eine entscheidende Rolle spielen. In diesem Beitrag wird der Bogen von mentaler und geistiger Gesundheit zum Darm und wieder zurückgeschlagen. Es wird sehr deutlich gezeigt, dass eine umfassende therapeutische Behandlung der Depression die Einbeziehung des ganzen Menschen bedarf.
Im Artikel vom Zusammenhang »Psychisches Leiden und Schmerz« gehe ich ausführlicher auf diesen Aspekt ein, warum Körper und Psyche untrennbar sind. Geradezu zwangsläufig ergibt sich, wenn die Darm-Hirn-Achse bidirektionale funktioniert, dass diese Kommunikationsverbindung das Wohlbefinden des Menschen maßgeblich beeinflusst. Bidirektional bedeutet, dass Darm und Gehirn ständig Informationen austauschen. Die Beeinflussung funktioniert demnach in beide Richtungen – das Gehirn nimmt Einfluss auf die Darmtätigkeit und der Darm auf das Gehirn.
Der Zusammenhang von Darmgesundheit, Ernährung und Mikrobiom bei der Entstehung und Behandlung von chronischen Entzündungen und Autoimmunerkrankungen, ist seit etwa zwei Jahrzehnten sehr in den Fokus der Medizin geraten. Die ständige Immunaktivierung durch Entzündungsprozesse im Darm begünstigt unter anderem die Entstehung von Neuroinflammation, des chronischen Fatigue Syndroms, von Multiple Sklerose und nimmt Einfluss auf das psychische Befinden, wie depressive Verstimmungen. Die Neuroinflammation ist eigentlich ein wichtiger Prozess der Krankheitsabwehr, welcher fehlgeleitet neurodegenrative Vorgänge des Gehirns anfacht.
Kann eine Entzündung Depression auslösen?
Viele Studien deuten darauf hin, dass eine Entzündung, insbesondere eine stille oder niedergradige Entzündung (Silent Inflammation), mit der Auslösung von depressiver Symptomatik und psychischer Problematik in Verbindung gebracht werden kann.
Die Verbindung zwischen Entzündung und Depression wird durch verschiedene Mechanismen erklärt:
- Über den Tryptophan-Stoffwechsel:
Eine erhöhte Aktivität des Enzyms IDO (Idol-amin 2,3 Dioxygenase), die ein Indikator für stille Entzündungen sein kann, deutet auf eine Fehlregulation im Immun- und Hormonsystem hin, welche den Stoffwechsel von Tryptophan beeinflusst. Tryptophan ist eine essenzielle Aminosäure und die Ausgangssubstanz für Serotonin, das als Glücks- und Wohlfühlhormon gilt. Wenn der Tryptophan-Stoffwechsel entgleist und der Spiegel dieser Aminosäure sinkt, kann dies ein Indikator für eine depressive Verstimmung und Symptomatik sein. - Direkt über die Darm-Hirn-Achse und Neuroinflammation:
Chronische Entzündungsprozesse, oft ausgehend vom Darm, können zu einer erhöhten Durchlässigkeit der Darmschleimhaut (Leaky Gut) führen.- Diese Störung der Darmbarriere kann über die sogenannte Darm-Hirn-Achse (Gut-Brain-Axis) die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke im Gehirn erhöhen (oft als „Leaky Brain“ bezeichnet).
- Dies kann eine chronische, subklinische Entzündung des zentralen Nervensystems (Neuroinflammation) zur Folge haben.
- Die klinischen Symptome dieser Neuroinflammation reichen von milden kognitiven Defiziten wie Konzentrationsproblemen und Gedächtnisstörungen (»Brain fog«) bis hin zu schwerwiegenden neurologischen bzw. psychischen Störungen wie Depressionen.
- Häufige Assoziation in der Praxis: Patienten, die unter chronischen unterschwelligen Entzündungen leiden, zeigen oft eine psychische Problematik, Müdigkeit und eine verminderte Leistungsfähigkeit. Wenn bei diesen Patienten keine eindeutige Diagnose gestellt werden kann, wird ihnen am Ende oft ein Antidepressivum empfohlen.
Die Diagnose lautet dann psychosomatische Erkrankung nach ICD 10 entweder F45 (»Somatoforme Störungen«) oder F54 (»Psychosomatische Erkrankungen«) und die Behandlung mit Antidepressiva ist dann eher Kosmetik und keine ursächliche Behandlung. Der Darm aktiviert nach wie vor die beschriebenen Signalwege des Organismus, weil die entzündlichen Prozesse nicht gestoppt werden.
Angesichts dieser Zusammenhänge kann eine Behandlung mit Psychobiotika (bestimmten Mikroorganismen wie Laktobazillen und Bifidobakterien), die sich positiv auf die Psyche und Gehirnfunktion auswirken können, für Menschen mit Depressionen vorteilhaft sein.
Es wird zudem angenommen, dass eine westliche, stark verarbeitete Ernährung, die Einnahme von Antibiotika die Vielfalt des Mikrobioms reduziert und dadurch chronische Krankheiten fördert. Während Ernährungsanpassungen — darunter antiinflammatorische Diäten (Vermeidung von AGE’s, – verzuckerte Proteine durch stark erhitzte, zuckerreiche Lebensmittel), Omega-3-Fettsäuren und Probiotika — als wesentliche therapeutische Strategien zur Wiederherstellung der Darmbarriere und zur Gewichtsregulation von den Medizinern besprochen werden.
Gerade die kognitiven Beeinträchtigungen sind zum Teil so ausgeprägt, dass Arbeiten schwerfällt und Betroffene häufig krank ausfallen. Oft beginnt eine Odyssee von Arztbesuchen, was den Erkrankten nicht hilft und das Gesundheitssystem zusätzlich belastet.
Die Diagnose über spezifische Labormarker wäre eigentlich sehr einfach, wenn die Laborparameter IP-10, TNF-a, IL-6, hsCRP, ATP und Histamin (Quelle IMD Labor) untersucht werden.
Sprechen wir noch ganz kurz über einen elementaren Zusammenhang der inneren und äußeren Barrieren im menschlichen Körper. Der Darm, die Lunge, die Blut-Hirn-Schranke und die Haut als die vielleicht wichtigsten Barrieren, verhindern das Eindringen von Krankheitserregern und unerwünschten Substanzen bzw. dämmen sie ein. Dazu gehören physikalische, chemische und biologische Mechanismen, die zum angeborenen Immunsystem gezählt werden.
Im gleichen Sinne gibt es psychische Schutzbarrieren des Menschen, die wesentlich für innere Kohärenz und geistige Stabilität sind. Die Abgrenzung bzw. die Steuerung und Bewertung dessen, was in den Körper und in die Psyche hineingelangen darf, ist ein lebensnotwendiger Vorgang. Lebewesen befinden sich im ständigen Austausch mit der Umwelt, das gehört zu den Wahrnehmungsprozessen und die Annahme, unser Immunsystem sei ein Abwehrsystem, ist tatsächlich zu einfach gedacht. Es moderiert eher, genauso wie das psychische Immunsystem.
Exkurs Hautgesundheit: Viele Untersuchungen belegen außerdem, dass eine Dysregulation der Darmmikrobiota (Dysbiose) mit entzündlichen Hautkrankheiten wie Neurodermitis, Psoriasis oder Akne in Verbindung steht. Eine geschädigte Darmbarriere (leaky gut) und pathogene Bakterien (namentlich Proteobakterien) können entzündliche Prozesse an der Darmschleimhaut auslösen. Diese beeinträchtigen das Hautbild der Patienten negativ, durch die Freisetzung systemischer Entzündungsparameter, siehe oben. Auch kurzkettige Fettsäuren, die durch Fermentation von Ballaststoffen durch bestimmte Darmbakterien entstehen, beeinflussen die Zusammensetzung des Haut-Mikrobioms, das wiederum die Immunabwehr der Haut beeinflusst.
Zusammenfassung
Wenn Sie den Verdacht haben, dass Ihr Darm Teil Ihrer psychischen Belastbarkeit ist und Sie von Psychopharmaka und Psychotherapie nicht den erwünschten Effekt verbuchen können, dann sprechen Sie Ihren Hausarzt an und lassen die erwähnten Laborparameter messen. Es bleibt zu erwähnen, dass Sie als Kassenpatient die Kosten teilweise als IGeL (Individuelle Gesundheitsleistungen) selbst tragen müssen.
Nehmen Sie Ihre Darmgesundheit in die eigenen Hände, damit haben Sie den größten Hebel in der Hand, um psychisch und körperlich fit zu werden und zu bleiben.