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Psychisches Leiden und Schmerz

Bin ich psychisch krank?

Eine Frage, die mir häufig begegnet. Manchmal wird sie direkt ausgesprochen, von einer mit Leid geplagten Person. Manchmal steht sie einfach unausgesprochen im Raum. Vielleicht kennen Sie jemanden, dem Sie insgeheim eine psychische Erkrankung unterstellt haben.

Als Psychologe könnte ich die Frage weder mit Ja noch mit Nein einfach beantworten. Aber der Reihe nach.

Auf den nächsten Seiten gebe ich zuerst einen kurzen Einblick in die Leib-Seele-Problematik. Dann möchte ich aus meiner Sicht erklären, was psychisches Leid ist, und im letzten Teil erörtere ich die Schlussfolgerungen für die therapeutische Praxis und die Arbeit mit Patienten bzw. Klienten.


Wie gelangt die Welt in den Kopf?

Menschen und die meisten Lebewesen erschließen die Welt primär über den Körper und die Sinne. Wahrnehmung ist zuerst ein körperlicher und manchmal auch schmerzhafter Vorgang: Sinnesorgane nehmen Reize (von innen und außen) auf, das Nervensystem leitet und verarbeitet sie, es entstehen Handlungen als Antwort.

Bis das Gehirn in der Lage ist, aus den komplexen und vielschichtigen Einwirkungen der Welt Muster und Strukturen zu erkennen, benötigen wir Menschen viele Jahre der Wahrnehmung und Beobachtung. Und es dauert lange, bis wir Bedürfnisse sprachlich vermitteln können und adäquat in einen sozialen Austausch gehen.

Diese Lern- und Wahrnehmungsprozesse sind kontinuierlich miteinander verflochten und bilden die Grundlage dafür, wie wir die Umwelt, andere Menschen und uns selbst erleben.

Insofern ist die menschliche Psyche kein formal abgrenzbares Konstrukt und nicht leicht fassbar oder objektivierbar. Gleichzeitig besitzt die Psyche keine immaterielle Entität (besitzt kein unabhängiges Sein) neben dem Materiellen. Vielmehr ergibt sich psychisches Sein als ein emergentes System vieler phänomenologischer Prozesse im Körper und Gehirn.

Dazu mag es viele andere Meinungen geben. Aber diesen Diskurs werde ich hier nicht führen können. Neben philosophischen, religiösen und neurologischen Ansichten und Erkenntnissen, wird die Psyche verstanden als ein Konstrukt, welches den Körper vor Verletzung und Schmerz schützt, das Überleben sichert, plant und sich ein wenig aus dem Zeitfluss erhebt.

Deshalb ist Schmerz auch so elementar tief verankert und wir entwickeln Angst vor Schmerzen, nur um uns vor Verletzung und Tod zu bewahren. Unter diesem Aspekt ist psychisches Leid, also schmerzhaftes Erleben ohne den Körper, nicht möglich. Aufgrund dessen führen z. b. Verlust und Zurückweisung zu Aktivierung der Schmerzmatrix im Gehirn. Sogenannte psychische Erkrankungen, wie Depressionen und Phobien (nach ICD Erkrankungen) ausschließlich mit kognitiver Arbeit und sprachlicher Intervention zu behandeln, kann daher komplett scheitern.

Die enge, unauflösliche Verflechtung körperlicher Vorgänge, sensorischer Einflüsse und permanentem Feedback des eigenen Denkens und Handelns schafft Bewusstsein und lässt uns selbst erleben. Die Konzepte wie Embodied Cognition und Enaktivismus (sinngebende Interaktion mit der Welt) beschreiben Denken und Fühlen als verkörperte Aktivitäten, die ohne eine körperliche Einbettung nicht funktionieren.

Wechselwirkung und Bidirektionalität

Körperliche Zustände, auch unbewusste, beeinflussen deshalb immer psychische Prozesse und umgekehrt. Körperliche Signale wie die Atmung, Körperhaltung, Schmerz und Berührung oder Hormone modifizieren das Erleben, die Stimmung, die Aufmerksamkeit und die Entscheidungsfindung. Psychische Zustände verändern umgekehrt Körperfunktionen durch vegetative, autonome Reaktionen und nehmen Einfluss auf Muskelspannung und Verhalten. Diese Bidirektionalität macht psychische und körperliche Ebenen zu einem dynamischen, wechselseitigen System.

Diese Einsicht ist ein tiefgreifender Paradigmenwechsel und löst den cartesianischen Dualismus (benannt nach René Descartes) zugunsten unauflösbarer Wechselbeziehung auf.

⚖️ Das Verhältnis von Leib und Seele

Der traditionelle dualistische Standpunkt auf das Verhältnis von Leib und Seele wird aufgebrochen zugunsten einer emergenten Sichtweise. Das bedeutet:

  • Leib: die materielle Grundlage, das biologische System.
  • Seele/Psyche: das emergente Muster, das aus der Dynamik des Welterlebens entsteht.
  • Geist: häufig verstanden als die reflexive, symbolische Ebene der Psyche – Sprache, Kultur, Sinngebung.

Damit stehen Körper und Psyche nicht nebeneinander, sondern in einem wechselseitigen Kontinuum: Körperprozesse → emergente Psyche → geistige Reflexion → emergente Psyche → Körperprozesse.

Menschliche Entwicklung und Kontexterfahrungen

Wahrnehmung und Psyche sind nicht nur das Ergebnis unmittelbarer Körperzustände, sondern auch von Entwicklung, Lernen, sozialer Umgebung und kultureller Partizipation geprägt. Frühe Bindungserfahrungen, Körperwahrnehmungen und soziale Rückmeldungen formen Muster der Wahrnehmung und steuern Regulation. Jeglicher Kontext entscheidet mit darüber, welche Körperereignisse als relevant erlebt und welche Bedeutungen ihnen zugeschrieben werden.

Gunther Schmidt spricht daher gerne von Einladungen der Welt, wie gewohnt zu reagieren oder es zu wagen, davon abzuweichen. »Erleben wird immer wieder neu erzeugt«.

Daraus ergeben sich zwingend Implikationen für die therapeutische Arbeit.


Die Relevanz für therapeutische Praxis und Beratung

Die therapeutischen Maßnahmen profitieren entscheidend davon, Körper und Psyche zusammen zu betrachten. Körperorientierte Interventionen, Atem- und Haltungsarbeit, achtsamkeitsbasierte Ansätze und Bewegungsinterventionen nutzen die direkte Verbindung von Körperzustand und Erleben, um Selbstregulation, Selbstwahrnehmung und Emotionsverarbeitung zu verbessern.

Gleichzeitig bleibt die symbolische, narrative Arbeit, die verbale Auseinandersetzung wichtig, um Erfahrungen neu einzuordnen und Erlebtes zu integrieren.

Einige konkrete Faustregeln und Empfehlungen für die Klientenarbeit

  • Wahrnehmung ist verkörpert: Sinneseindrücke und Körperreaktionen sind die Basis für das Erleben. Das Hier und Jetzt ist alles, was Wirklichkeit hat.
  • Wechselwirkung nutzen: Veränderungen am Körper können psychische Veränderungen auslösen und umgekehrt. Psychosomatik und somatopsychische Wirkungen müssen Beachtung finden. Psyche ⇨ Soma bzw. Soma ⇨ Psyche
  • Kontext beachten: Persönliche Entwicklung, Beziehungen und Kultur formen, wie Körpererfahrung interpretiert wird. Auch der therapeutische Kontext ist zu beachten.
  • Therapie integrieren: Körper- und sprachliche Interventionen ergänzen sich effektiv und beziehen sich aufeinander
  • Ein kurzes Embodiment-Screen in die Anamnese einbauen: um Fortschritte und Veränderungen dokumentieren zu können
  • Als Therapeut bietet es sich an, 2–3 standardisierte Übungen anzubieten, die sicher und regelmäßig durchgeführt werden.
  • Effekte nach etwa 8–10 Sitzungen dokumentieren – dazu genügt ein einfacher Test des Wohlbefindens und der Regulationsfähigkeit mit einigen Items

Körperlichkeit des Leids

In vielen Fällen äußert sich psychisches Leid direkt durch körperliche Signale und die Liste der körperlichen Symptome ist lang. Klienten berichten von Erschöpfung (Energiemangel – ATP), Kopfschmerzen, muskulären Problemen, Schlafmangel und Verdauungsbeschwerden. Diese verkörperten Symptome werden häufig psychosomatisch gedeutet, aber Bidirektionalität beinhaltet eine viel tiefere Sichtweise. So kann eine Krankengeschichte mit einem Magen-Darminfekt beginnen und eine Dysbalance des Mikrobioms verursachen. Auf bidirektionalem Wege tauschen aber Darm und Gehirn ständig Informationen aus. Diese Verbindung erfolgt über Nervenbahnen wie den Vagusnerv, Hormone und Botenstoffe des Mikrobioms. Das Gehirn erhält auf diese Weise Informationen über den Zustand der Verdauung, während umgekehrt das Gehirn die Darmfunktion steuern kann und damit die körperliche wie auch die psychische Gesundheit beeinflusst.

Nach vielen Monaten oder gar Jahren weiß weder der Arzt noch der Therapeut und der Patient ohnehin nicht, wann und wie der Stein ins Rollen kam. Doch das Leid ist real, nur werden Depression und Erschöpfungssymptome derart komplex nicht gesehen, obwohl mittlerweile bekannt ist, wie sehr Darm und Psyche gekoppelt sind.


Zusammenfassung

Also kann die Eingangsfrage, »Bin ich psychisch krank?« auf folgende Weise beantwortet werden:

Psychisches Leiden ist immer auch körperlich vermittelt. Interventionen können sowohl über den Körper, durch Atmung, Haltung und Bewegung, als auch durch geistige Einflussnahme über Sprache, Feedback und Sinngebung erfolgen. Jedoch entspricht die Integration beider Ebenen, der emergenten Natur der Psyche und psychische Erkrankungen gibt es unter diesem Aspekt nicht. Denn es klammert die wechselseitige Beziehung aus. Leid zeigt sich oft zuerst und unmittelbar im Körper, während die Psyche Erleben erzeugt und über geistige Repräsentation darüber denkt und reflektiert.

Insofern sind Sie nicht psychisch krank, können sich aber durchaus so fühlen. 🙂


Bild am 15.01.2026 KI-generiert mit Nano Banana Pro.

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