Der Feind im Spiegel
Wir glauben gerne, dass das Böse eine Fratze trägt. In unseren Filmen und Romanen sind die Schurken oft monströse Gestalten – Menschen, die grundlegend anders scheinen als wir selbst. Jeder Blockbuster benutzt triviale und einfache Erzählungen, um es leicht zu machen, uns mit den Guten im Film zu identifizieren.
Dieser „Mythos des reinen Bösen“ ist tröstlich, denn er erlaubt uns die Gewissheit: Das Böse, das sind immer die anderen. Doch die Wissenschaft der letzten Jahrzehnte zeichnet ein weitaus beunruhigenderes Bild. Sie zeigt uns, dass für die größten Gräueltaten der Geschichte oft keine Monster nötig waren, sondern lediglich ganz gewöhnliche Menschen, die unter bestimmten Bedingungen ihren moralischen Kompass verloren haben. Es erscheint mir wichtig, nicht nur von der Banalität des Bösen zu schreiben, sondern die Mechanismen aufzuzeigen, die das Schlechteste in uns erwecken können.
